| 




|
F.A.Z.,
Reiseblatt, Mittwoch, 31.03.1999, S. R9, Nr. 76
Der Schatz im Silberberg
Freiburg erhält mit einem Museums-Bergwerk ein Stück Regionalgeschichte zurück
/ Von Burkhard Jürgens
Facilis descensus Averno: Leicht geht es zum Hades hinab. Seltsam, was einem durch den
Kopf geht, wenn man mitten im Berg an einer Leiter hängt, im Lichtkreis der Stirnlampe
die Hände, die an dreckverschmierten Eisensprossen Halt suchen. Nach oben begrenzt der
Horizont des Schutzhelms die Sicht, unten tasten die Füße im Dunkel nach der nächsten
Stufe. Ein Steinchen löst sich und fällt und fällt und fällt. Etliche Male schlägt es
an der Leiter, an Streben und Felsen an. Sekunden vergehen, schrecklich lange Sekunden,
bis das arhythmische Klicken, kaum noch hörbar ist, endet. Dann kehrt die Stille zurück
und mit ihr die Konzentration auf den nächsten Griff, den nächsten Tritt.
Gut 230 Meter führt der Abstieg vom heutigen Zugang der Grube wenig unterhalb des
Schauinslandgipfels hinab zum sogenannten Hebammenstollen. Kurz vor der Jahrhundertwende
für den damaligen Erzabbau gedacht, verband dieser zwei Kilometer lange Stollen zugleich
die Dörfer Kappel und Hofsgrund auf dem kürzesten Weg - direkt durch den Freiburger
Hausberg. Bald entdeckten ihn die Kappler Kinder als Abkürzung auf ihrem Weg zu der in
Hofsgrund gelegenen Zwergschule, und auch die Hebamme aus Kappel nutzte bis zur
Schließung der Fördersohle im Jahr 1954 die Direttissima, wenn sie dringend zu einer
Niederkunft auf der anderen Bergseite gerufen wurde - daher der volkstümliche Name. Heute
sind beide Eingänge verstürzt; Versuche, den Stollen aufzugraben, scheiterten bislang.
Hier unten spielte das letzte Kapitel der mehr als acht Jahrhunderte währenden
Bergbaugeschichte im Südschwarzwald. An keinem anderen Ort läßt sie sich so lückenlos
verfolgen wie hier; wohl nirgendwo sonst war sie so prägend. Doch mit dem Ende des
Förderbetriebs geriet dieses herausragende Zeugnis der regionalen Wirtschaftsgeschichte
in Vergessenheit. Schon 1982 war bei der Gründung des Aussichtsturms auf dem Schauinsland
nicht mehr bekannt, daß nur wenige Meter Felsdecke das Fundament von einem 80 Meter
tiefen Hohlraum trennten. Seit einem halben Jahr nun ist zu besichtigen, was den Reichtum
der Zähringerstadt begründete.
Der obere Teil der Grube Schauinsland, der einen breiten Querschnitt durch die
Bergbauaktivitäten vom Spätmittelalter bis zum Beginn dieses Jahrhunderts bietet, ist
nach langjährigen Vorarbeiten von engagierten Privatleuten zugänglich gemacht worden.
Die längste von drei angebotenen Touren führt über bis zu sechs Meter lange Leitern
etwa fünfzig Meter tief unter Tage. Durch verwinkelte Stollen geht es durch den Berg,
immer den Erzgängen entlang, denen die Schwarzwälder Bergleute auf der Suche nach
Silber- und Bleierzen folgten. Manchmal rücken die Felswände so eng zusammen, daß man
nur seitwärts hindurchschlüpfen kann, und immer wieder bewahrt der Schutzhelm vor Beulen
und Ärgerem.
Die Begleiter, die hier ehrenamtlich arbeiten, erschließen den Besuchern Stück um Stück
die Geschichte des Erzabbaus - wie hier mittelalterliche Meißelarbeiten einen schmalen
Gang ausführten, dort sich noch Spuren vom "Feuersetzen" erhalten haben, einer
Sprengmethode, die durch abwechselndes Erhitzen und Abschrecken das Gestein spröde macht.
Weiter unten wird eine hölzerne Wasserpumpe aus dem achtzehnten Jahrhundert gezeigt, eine
technische Innovation, die erst das tiefere Vordringen in den Berg ermöglichte, daneben
Grubenbeleuchtungen vom Kienspan zur Karbidlampe ebenso wie modernes Bergbaugerät.
Das Museums-Bergwerk entstand durch eine Initiative des Freiburger Juweliers Berthold
Steiber. Im Jahr 1976, damals zweiundzwanzig Jahre alt, war er zum erstenmal mit einigen
Freunden in die verschlossenen Stollen eingedrungen. Aus dem anfänglichen Abenteurertum
erwuchs eine ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit. Die heute fünfzehnköpfige
"Forschergruppe Steiber", wie sie sich nennt, erschloß immerhin ein Drittel des
hundert Kilometer umfassenden Gangsystems im Berg, kartierte, sicherte Bauteile,
dokumentierte die Spuren des Bergbaus in seinen historischen Phasen. Mehr als 150 000
Arbeitsstunden leistete die Mannschaft nach Steibers Angaben, alles ehrenamtlich. Und
private Investitionen von mehr als einer Million Mark flossen in die Grube. Beim
baden-württembergischen Landesbergamt, das für die Überprüfung der Betriebspläne
zuständig ist, findet nicht nur dieser Einsatz hohes Lob; man schätzt auch die fachliche
Kompetenz und die Zuverlässigkeit des bergmännischen Autodidakten Steiber.
Landesbergdirektor Volker Dennert sieht in den Aktivitäten der Gruppe weit mehr als ein
extravagantes Hobby. Ihr komme das Verdienst zu, Freiburg ein wichtiges Stück Geschichte
zurückgegeben zu haben. "Ohne Steiber", sagt Dennert, "wäre das
Schauinsland-Bergwerk in der Versenkung verschwunden."
In der Tat spielt im Bewußtsein der heutigen Freiburger die Bergbauvergangenheit der
Stadt kaum eine Rolle. Dabei war es das Silber aus dem Schauinsland, das seinerzeit dem
jungen Marktflecken der Zähringer zur Blüte verhalf. Mit dem Aufschwung des
Silberhandels im dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert - eine Folge der sich
verbreitenden Geldwirtschaft - wurde der Erzabbau in immer größere Tiefen vorgetrieben.
Um die Investitionskosten zu decken, bildeten sich Unternehmer-Gesellschaften. Die
Steuerung des Bergbaus verlagerte sich von den Grafen, die das Bergrecht innehatten, zu
den bürgerlichen Investoren; diese profitierten letztlich vom Edelmetallhandel und
avancierten durch ihre Position am Geld- und Warenmarkt zu den Architekten der
städtischen Prosperität. Den heute sichtbarsten Niederschlag fand das Freiburger
Wirtschaftswunder im Münster, das seine im Unterschied zu den anderen gotischen
Kathedralen zügige Erbauung dem Bergsegen und den soliden Einkünften des Pfarrzehnten
verdankt.
Mit dem Tulenhaupt-Fenster über dem südlichen Seitenportal des Münsters und dem
dreiteiligen Schauinsland-Fenster im Hochschiff, einzigartigen Bildzeugnissen
bergbaulicher Szenen, setzten sich einflußreiche Familien, aber auch die Pächter vor
Ort, die "froner ze dem Schowinslant", ein diskretes Denkmal - wohl wissend um
das prekäre Fundglück: Was, wenn die Erzgänge ertauben, wenn Einstürze das
Investitionskapital begraben? Die Sorge war berechtigt. Schon 1543 blickte der Basler
Geograph Sebastian Münster in seiner "Cosmographey" auf bessere Zeiten zurück:
"Ein meil wegs von Freyburg ist etwan gewesen ein gut Bergwerck, davon die Statt, die
Clöster und Kirchen den mehren theil sind erbauwen worden." Auch Abt Caspar I. von
St. Blasien erinnert sich am Ende des sechzehnten Jahrhunderts wehmütig an vergangene
Jahre, als sein Kloster durch die Erträge aus den Silberminen "gar hefftig an seinen
zinsen und gulten gepessert" wurde. Der Dreißigjährige Krieg besiegelte das Ende
des Schwarzwälder Silberbergbaus.
Schon während der ersten schwunghaften Phase des Grubenbaus hatten sich zu den
Unwägbarkeiten des Abbaus vereinzelt Auseinandersetzungen um die Bergrechte gesellt.
Daneben mehrten sich forstrechtliche Beschwerden. Riesige Holzmengen wurden eingeschlagen,
nicht nur für den Ausbau der Gruben, sondern vor allem für das "Feuersetzen"
und für die Verhüttung des Erzes. Dadurch entwickelte sich der Bergbau neben den
Glasbetrieben zur bedeutendsten holzverzehrenden Industrie. Der Ärger der Forstherren
bezog sich allerdings weniger auf den Holzverbrauch an sich als auf die angerichteten
Verwüstungen. Waldsäume wurden ungeordnet abgeholzt, hohe Baumstümpfe blieben stehen,
Reisig blieb liegen. Kennzeichnend ist die Klage der Todtnauer Waldordnung von 1464,
"wie wäld vnd höltzer ungewöhnlichen gewiest, erhauwen vun vnzimblichen gepraucht
werden". Vielen eingesessenen Waldbauern wurde durch diesen Raubbau die
Lebensgrundlage entzogen.
Noch verheerender wirkte der im achtzehnten Jahrhundert wiederauflebende Grubenbetrieb,
der als Nachlesebergbau die alten Silbererzgänge für die Kassen Vorderösterreichs
ausbeutete. Schon zu Beginn dieses zweiten großen Abschnitts in der Bergbaugeschichte des
Schauinsland muß der Wald in einem erschreckenden Zustand gewesen sein. Dem
vorderösterreichischen Bergbeamten Joseph Wenzel Freiherr von Vernier wollten
Einheimische den durchweg jungen Baumbestand damit erklären, daß ein Baumstamm im Umfang
abnehme, wenn er älter als dreißig Jahre sei. Den letzten Aufschwung nahm der Bergbau
von 1876 an unter Freiherr Carl von Roggenbach. Die Industrialisierung hatte Zink zu einem
begehrten Metall werden lassen. Allein aus den Abraumhalden gewann von Roggenbach fünfzig
Tonnen Zinkblende - Startkapital für weitere Unternehmungen, darunter die Auffahrung des
"Hebammenstollens".
Anfang dieses Jahrhunderts beschäftigte die Grube Schauinsland etwa zweihundertfünfzig
Bergleute. Damit war sie der größte Arbeitgeber des Landkreises, dennoch galt der
Bergbau in keiner Weise mehr als typisch für die Stadt Freiburg. Viele der Grubenarbeiter
lebten in der Molzhofsiedlung oberhalb des Dörfchens Kappel. Noch heute hat die Adresse
einen bestimmten Ton - die Arbeitersiedlung, die fremd wirkte in der ländlichen Umgebung,
bildete selbst in der dörflichen Enge ein eigenes Soziotop aus. Bergleute und Bauern
hatten ihre je eigenen Kneipen, die Kinder ihre eigenen Schulen. Die mächtigen Halden der
Grube bestimmten das Ortsbild von Kappel, aber Industrie und Landwirtschaft blieben
getrennte Welten. Als die Zinkgrube 1954 überraschend schloß, dauerte es nicht lange,
bis man das Bergwerk vergessen hatte. Ohnedies war der Bergbau, der Freiburg zu Größe
verholfen hatte, schon vor seinem endgültigen Aus zu einem fremdartigen Wirtschaftszweig
in der Region geworden. Vielleicht liegt es daran, daß heute manche die Idee des
Museums-Bergwerks eher reserviert betrachten.
Zwar gibt sich die Stadt Freiburg aufgeschlossen gegenüber der Initiative des
passionierten Bergwerksforschers. Ein öffentliches Interesse an der Erschließung der
montanwirtschaftlichen Stadtgeschichte und damit verbunden die Notwendigkeit einer
besonderen Unterstützung sieht man im Rathaus hingegen nicht. Grundsätzlich gehe man
davon aus, daß das Museums-Bergwerk einen Gewinn erwirtschafte, heißt es im Presseamt
der Stadt. Diese gewerbliche Nutzung des Schauinsland unterscheide sich grundsätzlich
nicht von der Nutzung des Dreisamstadions durch den SC Freiburg oder des Münsterplatzes
durch die Betreiber von Würstchenbuden.
Zudem hat für die Stadtverwaltung der Trinkwasserschutz höchste Priorität. Seit
längerem reiben sich hier die unterschiedlichen Interessen des Bergwerksbetreibers und
der Unteren Wasserbehörde, vertreten durch die Freiburger Energie- und
Wasserversorgungs-AG (FEW). Jede Seite beruft sich auf hydrogeologische Gutachten, doch
die Folgerungen weichen voneinander ab: Während Steiber zufolge eine
Trinkwasserkontamination durch den Besucherverkehr ausgeschlossen ist, erklärte die
Wasserbehörde den gesamten Schauinsland zum Wasserschutzgebiet der Zone II, also mit
erhöhten Sicherheitsmaßgaben. Hier lebt ein Streit auf, der so alt ist wie der
beurkundete Bergbau selbst: ob Bergrecht oder Wasserrecht Vorrang haben soll.
Juristisch sitzt derzeit die FEW als Genehmigungsbehörde am längeren Hebel. Eine
Besuchertoilette auf der 4. Feldstrecke über Kappel, hundertsechzig Meter tief unter dem
Schauinslandgipfel, ein Anschluß ans öffentliche Stromnetz und die Minimierung des
eingelagerten Dieselkraftstoffs für ein Notstromaggregat bildeten im Kern die Auflagen,
die von der FEW als "Mindestanforderungen an den Trinkwasserschutz" genannt
werden. Die Stadt Freiburg verlangte deshalb im Gestattungsvertrag, den sie im Juli
vergangenen Jahres mit Berthold Steiber schloß, eine "Toilettenanlage mit Anschluß
an die örtliche Kanalisation" - eine Klausel, die Landesbergdirektor Volker Dennert
als "leicht überzogen" bezeichnet. Aus seiner Sicht "würde eine
Chemietoilette in einer Betonwanne ausreichende Sicherheit gewährleisten, selbst wenn die
Katastrophe des Jahrhunderts passiert".
Steiber aber fügte sich, seine Mannschaft sprengte im Winter einen Weg für die
Entsorgungsleitung frei; aus dem Pulverdampf tönten Kommentare von Behördenschikane und
Knebelvertrag, die Verantwortlichen bei der FEW hingegen sehen sich durch die
Öffentlichkeitsarbeit des Bergwerksbetreibers verunglimpft. Die Atmosphäre ist
angespannt - was insofern bedauerlich ist, als beide Seiten den Wert ihres bisherigen
Joint-venture sehen: Während Steiber dem Wasserversorger große Hilfsbereitschaft bei der
Wartung seiner Maschinen attestiert, bekennt die FEW, sie habe durchaus von den
geologischen Erkenntnissen des "hemdsärmeligen Idealisten" profitiert.
Ideen und Möglichkeiten für eine weitere Kooperation gibt es genug: Ein unterirdischer
Stausee auf der Kappler Sohle hält bestes Trinkwasser für mehrere hundert Haushalte vor
- bislang fließt das Wasser ungenutzt ab. Der 535 Meter tiefe Roggenbach-Schacht könnte
ein kleines Wasserkraftwerk aufnehmen - aber auch hier gibt sich die FEW zurückhaltend.
Sie sieht keinen konkreten Bedarf, die vorhandenen Möglichkeiten zur Gewinnung von
Trinkwasser und regenerativer Energie in der näheren Zukunft zu nutzen. Letztlich
entsteht der Eindruck, daß die kommunalen Behörden von der überbordenden Einsatzfreude
der Bergwerksaktivisten überfordert sind.
Dagegen versprechen sich die städtischen Verkehrsbetriebe von der neuen Attraktion im
Schauinsland einen Umsatz- und Imagegewinn. Die Schauinsland-Seilbahn verzeichnet seit
ihrer umfassenden Renovierung 1988 zwar einen Zuwachs von siebzig Prozent bei den
Fahrgästen, liegt aber mit 250 000 Ausflüglern, die jährlich auf den Freiburger
Hausberg gondeln, noch deutlich unter der Rentabilitätsgrenze. Der Zustrom der Besucher
hängt vom Wetter ab. An Wintertagen, wenn die für Freiburg typische Wetterlage die Stadt
im Nebel ertrinken läßt und auf dem Gipfel beste Fernsicht bis hin zu den Vogesen und
den Alpen herrscht, drängeln sich die Scharen an der Talstation. Dagegen zieht es bei
Regen eher wenige hartgesottene Wanderer auf den Schauinsland. Das Besucherbergwerk,
dessen Eingag fünf Gehminuten von der Bergstation der Seilbahn entfernt liegt, betrachtet
der Betriebsleiter der Bahn als ideales Schlechtwetterprogramm.
Die bisherige Entwicklung gibt dieser Einschätzung recht: Von den etwa achttausend
Bergwerksbesuchern aus den ersten Monaten hatte sich knapp die Hälfte für ein
Kombiticket entschieden, das die Anfahrt mit der Seilbahn und die Bergwerksführung zu
einem ermäßigten Pauschalpreis anbietet. Auch die Wirte in Hofsgrund freuen sich über
den zusätzlichen Umsatz durch das Museums-Bergwerk. Wer glücklich dem Orkus entstiegen
ist, stärkt sich gerne in einem der Gasthöfe auf dem Schauinsland und präsentiert den
irritierten Blicken der weniger tiefgründigen Spaziergänger nicht ohne Stolz sein vom
häufigen Felskontakt ramponiertes Äußeres, als seien es Blessuren aus einem
unterweltlichen Kampf.
Anmerkung:
Führungen über den Besucherbereich hinaus bis zur Kapplersohle sind leider nicht möglich.
|